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Zuviel des Guten für Boden und Pflanze

Berliner Zeitung, 23.03.1996, Peter-Hans Horn

Die Stickstoffbelastung der Böden hat riesige Ausmaße angenommen. Vor allem durch Überdüngung in der Landwirtschaft gelangt immer mehr Nitrat ins Grundwasser. Seit Mitte Januar liegt nun nach langer Diskussion eine entsprechende Verordnung vor, die dies einschränken soll.

"Unsere Äcker ertrinken in Gülle", warnt Hans-Jörg Breitinger, Mitglied des BUND-Bundesvorstandes. "Auf den meisten deutschen Feldern landen jährlich pro Hektar 90 Kilogramm zuviel Stickstoff aus Gülle oder mineralischem Dünger. Weil die Pflanzen diese Stickstofflut nicht mehr aufnehmen können, gelangen große Mengen des Pflanzennährstoffs in den Boden und sickern schließlich, umgewandelt zu Nitrat, ins Grundwasser. So wird aus dem wichtigsten Nährstoff für Pflanzen ein Trinkwasser-Gift", sagt Breitinger.

Noch gelinge es den meisten Wasserwerken, die Nitratbelastung mit den vorhandenen Möglichkeiten unter den gesetzlichen Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter zu halten. Doch schon bald könnte die Grenze des Machbaren erreicht werden.

Der Hauptverursacher für diese Überdüngung ist längst bekannt: Es ist die Massentierhaltung. 26 Millionen Schweine, 16 Millionen Rinder und 104 Millionen Federvieh stehen in deutschen Ställen. Allein bei der Schweineproduktion fallen hierzulande pro Jahr 66 Millionen Tonnen Gülle an, die auf den Feldern landen. Diese Mengen können die Pflanzen nicht mehr aufnehmen. Nach einer Studie des Instituts für Landeskultur der Universität Giessen erreicht dieser Stickstoff-Überschuß in manchen Gegenden Spitzenwerte von 180 Kilogramm pro Hektar.

Gräbt sich also der Bauer sein Wasser ab? Die Schuld an dieser bedrohlichen Situation trage in erster Linie nicht die Landwirtschaft und der Landwirt, sondern die hierfür verantwortlichen Agrar- und Umweltpolitiker, heißt es im diesjährigen "Kritischen Agrarbericht" des AgrarBündnis e. V., einer Vereinigung, die über 20 Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Tierschutz mit mehr als einer Million Mitgliedern vertritt.

"Unsere Agrarpolitik zwingt die Bauern, im großen Stil Stickstoff auf die Äcker zu kippen, ohne sich um die Trinkwasserqualität von morgen kümmern zu müssen", kritisiert auch Hans-Jörg Breitinger vom BUND. "Wohin das führt, können wir schon heute in der Region Cloppenburg/Vecha beobachten. In diesen Schwerpunktgebieten der deutschen Massentierhaltung gibt es wegen der hohen Nitratbelastung fast keine eigene Grundwassernutzung mehr."

Mitte Januar hat Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert (CDU) die neue Dünge-Verordnung unterzeichnet, die der Bundesrat am 15. Dezember des Vorjahres beschlossen hatte. Mit großer Verspätung, schließlich fordert die EU-Nitrat-Richtlinie bereits seit 1993 ein solches nationales Regelwerk.

Die Verordnung schreibt unter anderem vor, den Dünger so auszubringen, daß die Pflanzen die Nährstoffe weitgehend ausnutzen können. Die Nährstoffe sollten also vor allem während der Wachstumszeit für die Wurzeln verfügbar sein. So könnten Verlust durch Versickern oder Abfluß in die Gewässer verhindert werden. Nach den Plänen des Bonner Ministeriums sollen ab Mitte 1997 deshalb nur noch 170 Kilogramm Stickstoff in Form von Gülle pro Hektar auf die Felder gebracht werden. Die Landwirte werden angehalten, exakt zu erfassen, wieviel Nährstoffe mit der Ausbringung des Düngers dem Boden zugeführt und mit der Ernte wieder abgeführt werden.

Mit dem Papier, das nach mehr als fünfjähriger Diskussion nun vorliegt, kann der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Constantin Freiherr Heeremann "ganz gut leben". Die "Grundsätze der guten fachlichen Praxis der Düngung" sind für zahlreiche Umweltschützer hingegen ein "Flop". SPD-Umweltexpertin Susanne Kastner: "Der Zeitraum von November bis Januar, in dem keine Gülle ausgebracht werden darf, ist viel zu kurz. Gerade wenn der Boden, wie jetzt im März, noch gefroren ist, kann die Jauche nicht im Boden versickern und fließt über die Gräben ab."

Auch andere sind eher skeptisch, daß die Bonner Pläne tatsächlich das Übel an der Wurzel packen werden. Anstelle des Umweltschutzes würde die Bürokratie zunehmen, vermutet schon jetzt der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Außerdem wären Kontrollen kaum möglich, da eine Aufzeichnugspflicht nur gegebenenfalls vorgesehen sei.

Die Alternative: Anstatt die Bauern durch Preisdruck zur Massentierhaltung zu zwingen, müssen artgerechte Tierhaltungsformen eingeführt werden, fordert der BUND. Und die Subventionen für die flächenunabhängige Tierhaltung müßten gestoppt werden. "Wer Tiere im Stall hat, muß ausreichende Flächen für die sinnvolle Verwendung der Gülle nachweisen können", resümiert BUND-Landwirtschaftsexperte Andreas Krug.

Doch auch der Verbraucher ist angesprochen. "Wir haben es durch Änderung unseres Kaufverhaltens und durch Konsumverzicht selbst in der Hand, Massentierhaltung und Käfighaltung zu stoppen", heißt es in einer Erklärung vom Bauerntag des AgrarBündnisses. So könne nicht nur das Leid der Tiere verhindert, sondern eine qualitätsorientierte Lebensmittelerzeugung zu fairen Preisen - sowohl für den Bauern als auch für die Verbraucher - erzielt werden.

Was den Umgang mit Gülle betrifft, so ist es nach Auffassung des Bauernverbandes "seit Jahren umweltschonend". Die Länderarbeitsgemeinschaft Wasser ist zu anderen Erkenntnissen gekommen. In einem Bericht über die Nitratbelastung des Grundwassers kommt sie zum Schluß, daß an jeder zehnten Meßstelle der Bundesrepublik der Grenzwert bereits überschritten wird. Der Verursacher sei eindeutig die Landwirtschaft und ihre Massentierhaltung, schlußfolgern die Experten.

 
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